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DIE KRAFT DER MUSIK

von Peter Cubasch

Musik hat die Kraft, uns Menschen menschlich und lebendig zu machen.
Musik entfaltet sich im Menschen - und sie schafft Verbindungen, auch dort, wo Menschen nicht mehr sprechen wollen oder können.
Musik stärkt die Persönlichkeit, indem sie Kreativität und Ausdruck ermöglicht und uns körperlich, seelisch und geistig in Bewegung bringt.
Musik heilt, wenn wir unsere Gefühle durch sie ansprechen lassen. Und wenn wir fühlen sind wir in unserer Lebendigkeit.

Rhythmus bewegt
Wir alle haben uns in frühesten Kindertagen zur Musik bewegt - rhythmisch im Takt wippend, manchmal sich im Kreis drehend bis zum Umfallen, spontan, lebendig und differenziert in Tempo und Dynamik… völlig ohne Vorkenntnisse und Übung. Wenn Eltern oder Großeltern Zeugen dieses beeindruckenden Schauspiels werden, sind sie meistens begeistert und mächtig stolz auf ihren “talentierten“ Nachwuchs. Dabei hat dieses Verhalten überhaupt nichts zu tun mit Talent oder besonderer Begabung. Wir bewegen uns, weil die Musik uns bewegt - körperlich und seelisch. Jeder Mensch ist darauf ausgerichtet, gehörte Musik spontan in Ausdruck zu verwandeln, mit Mimik, Gestik, Armen, Beinen und Stimme.
Im Verlauf unseres Lebens begegnen uns dann meist vielfältige Einschränkungen, Zurechtweisungen, soziale Zwänge, Bewegungsarmut durch Auto-Mobilität, aber auch berufsbedingte Einseitigkeiten… und von dieser ursprünglichen Vitalität bleibt nur noch ein rudimentäres Zucken übrig. Doch je stärker der Impuls zur spontanen, freien Bewegung verkümmert, desto größer wird die Sehnsucht, zu klatschen, zu stampfen und zu trommeln, den Rhythmus der Musik und die eigene Lebendigkeit zu spüren.

Klang öffnet
Klang lädt uns zum Lauschen ein: Mach auf, hör zu! Das Lauschen öffnet uns nach außen und innen. Gerade jetzt in der warmen Jahreszeit können wir erleben, wie das Vogelgezwitscher uns öffnet und wir uns den Klängen der Natur öffnen. Wenn das geschieht, werden wir eins mit uns selbst und unserer Umwelt und fühlen uns verbunden - das macht reich und sicher.
Alle sinnlichen Erfahrungen öffnen. Und in besonders vielfältiger Weise locken uns die musikalischen Klänge der verschiedenen Instrumente und der menschlichen Stimme. Jede Stimme, jeder Klang erzeugt einzigartige Schwingungen, auf die wir resonieren und die uns in der Tiefe der Seele erreichen können. So wird verständlich, warum ein besonderer Klang oder eine spezielle Musik in uns Gefühle auslösen und uns zu Tränen der Freude oder der Trauer rühren kann.

Melodie befreit
Das Geheimnis einer Melodie verbirgt sich in ihrer Verbindung von Schritten und Sprüngen, in ihren Linien und Bögen, die getragen sind vom Wechsel zwischen Spannung und Entspannung. Eine Melodie spricht uns an, nimmt uns mit, lässt uns emporschwingen oder ruhig werden. Wie etwa bei dem bekannten Frühlings-Lied “Alle Vöglein sind schon da“ - die Melodie springt gleich am Anfang weit hinauf und lässt Bewegtheit und Fröhlichkeit hörbar und spürbar werden.
Es sind vor allem die Melodien, die uns berühren, die wir lieben und an die wir uns lange erinnern. Eine schöne Melodie ist wie ein Geheimnis, welches uns immer wieder berührt. Und wenn es uns gelingt, eine eigene Melodie zu finden und zum Erklingen zu bringen, können wir damit die Einmaligkeit unseres Menschseins zum Ausdruck bringen. Das braucht Mut, stärkt die Persönlichkeit und befreit die eigene Identität: So bin ICH, so klinge ICH, das habe ICH zu sagen!

Musik erfinden
Der Wunsch, selber Musik zu machen, entspringt der menschlichen Neugier und dem Bestreben, allen Dingen auf den Grund zu gehen. Es ist viel spannender, Musik aktiv zu erforschen und ihr in selbsttätigen Experimenten auf die Spur zu kommen, als sie nur passiv zu erleben oder trainierend einzuüben. Gelingt es, im Menschen beim Musizieren den kleinen Forscher und den “Spieler“ anzusprechen, setzt sich ein doppelter Entwicklungsprozess in Gang: Der Mensch entfaltet sein motorisches, geistiges, emotionales und künstlerisches Potenzial, und gleichzeitig begreift er die Musik in ihrer ganzen Vielfalt und Gestaltbarkeit. Und das wirkt dann besonders nachhaltig, weil es der menschlichen Freude am Entdecken, Spielen, Aktiv- und Kreativ-Sein entspricht.
Besondere musikalische Kompetenzen (die Fähigkeit, ein Instrument zu spielen oder Noten lesen zu können) sind dafür gar nicht erforderlich; sie können manchmal sogar hinderlich sein. Wichtig ist es, einen Spielraum bereitzustellen, in dem Musik möglichst aktiv und kreativ hervorgebracht und erlebt werden kann - das heißt eine angstfreie Atmosphäre, Geduld und Wertschätzung und vor allem eine anthropologische Grundeinstellung, die an die kreativen Potenziale im jedem Menschen - jenseits von “begabt“ und “unbegabt“ - glaubt.

Musik hören
Noch nie gab es so vielfältige Möglichkeiten wie heute, Musik aller Stile, Zeiten und Kulturen zu hören. Die neu gewonnene Mobilität und die technischen Medien haben dazu geführt, dass jeder jederzeit jede Musik hören kann. Wir können mit Ethno-Music unsere musikalische Neugier befriedigen, können uns mit Techno aufputschen, uns mit New-Age-Entspannungsmusik beruhigen, uns von klassischer Musik berühren lassen und sogar unser Gehör durch Interpreten-Vergleiche schulen. Diese Entwicklung ist grundsätzlich zu begrüßen - solange die Entscheidung, welche Musik jemand hören will, selbständig getroffen werden kann. Dazu braucht es eine lebendige und gute Musikkultur und einfühlsame Anleitungen zum Musikhören.
Gehörte Musik hat eine eminente Kraft, besonders wenn sie life gespielt wird. Sie spricht uns ganzheitlich an und zeigt Wirkungen auf alle Ebenen unseres Menschseins. Die unfreiwillige “Musik-Berieselung“ in Supermärkten, Geschäften, Restaurants, etc wird heutzutage immer häufiger eingesetzt, um Menschen unterbewusst zu manipulieren. Es wäre nicht verwunderlich, wenn über kurz oder lang bei immer mehr Menschen der Wunsch aufkommt, musikfreie Zonen einzurichten. Auch die freiwillige Dauer-Beschallung aus dem eigenen Walkman-Kopfhörer, der sich vor allem junge Menschen oft permanent aussetzen, sollte kritisch betrachtet werden. Wenn sich darin eine Tendenz zur Isolation und Realitätsflucht zeigt, kann diese Art des Musikhörens nicht als Form individueller Freiheit und Selbstbestimmung gesehen werden, sondern eher als Zeichen des Rückzugs aus einer befremdlichen Welt. Hier gilt es weniger, nach der Kraft der Musik zu fragen, als nach gesellschaftlichen Bedingungen und Kräften, die Menschen von sich selbst und von der Freude am gemeinsamen Musizieren entfremden.

Musik gemeinsam spielen
Die Kraft der Musik entfaltet sich im gemeinsamen Tun und Erleben, im Musizieren, im Hören und Erfinden. Gerade in diesem Miteinander liegt eine zentrale Kraft der Musik.
Töne, Klänge und Rhythmen sind ausgezeichnete Mittel, um miteinander zu kommunizieren - unabhängig von Sprache, Alter, Wissensstand und Talent. Musik bietet uns vielfältige Möglichkeiten zur Begegnung mit anderen Menschen und mit uns selbst. Sie verbindet im sinnvollen und manchmal auch ganz zweckfreien Tun. Der Mensch ist angelegt auf Verbundenheit - und Musik hat die einzigartige Kraft, über alle Grenzen hinweg Verbindungen herzustellen. In dieser Weise kann sie zu einem Kraft spendenden Begleiter der Menschen werden.

Peter Cubasch
verh., 4 Kinder, Studium der Pädagogik, Musikerziehung und Sportwissenschaften, der Musik- und Tanzpädagogik; Ausbildungen in Integrativer Therapie am Fritz Perls Institut (Musik- & Bewegungstherapie), Atemtherapie und IMAGO-Paartherapie; seit 1984 Vertragslehrer am Orff-Institut der Universität Mozarteum in Salzburg und Psychotherapeut in freier Praxis; Lehrtherapeut am Freien Musikzentrum (FMZ) München und an der Berufsbegleitenden Ausbildung Musiktherapie in Zürich, sowie als Supervisor in der Musiktherapie-Ausbildung der Universität Siegen; Lach-Yoga-Therapeut. Leiter und Gründer des Bodensee-Institut-Bregenz für integrative Pädagogik und kreative Therapie und des AtemHauses Hohenems.
(Kontakt und Infos: http://www.bodenseeinstitut.com)

 

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