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Heilkunst und innere Wissenschaft

Ein Interview mit Thomas Hübl
von Martin Bruders

“Heilkunst bedeutet, die Tiefendimension
unseres Menschseins zu verstehen“


Martin Bruders: Hallo Thomas. Wir haben uns heute das Thema “Integrale Heilkunst” vorgenommen. Kannst du kurz etwas zu den Begriffen „integral“ und „Heilkunst“ sagen?

Thomas Hübl: “Heilkunst” bedeutet im Prinzip die Tiefendimension unseres Menschseins zu verstehen, das heißt, den mystischen Aspekt und den menschlichen Aspekt unseres Hierseins und ihren Zusammenhang tiefer zu begreifen. “Integral” bedeutet, dass wir die unterschiedlichen Bewusstseinsstufen, auf denen sich Menschen befinden, differenziert anschauen. Unsere Erfahrung besteht aus verschiedenen Stufen oder Dimensionen unseres Menschseins, und die integrale Landkarte gibt uns einen Wegweiser durch diese Stufen. Heilkunst heißt, dass wir ein tieferes Verständnis für alle Ebenen unseres Menschseins (physisch, emotional, mental, kollektiv und spirituell) erlangen und dadurch mit mehr Weisheit auf Symptome, wie zum Beispiel Krankheiten schauen. An diesem Punkt treffen beide Begriffe aufeinander.

„Es geht darum, zu sehen, dass sich Bewusstsein durch uns entwickelt.“

MB: In diesem Zusammenhang würde mich interessieren, welche Entwicklungsstufen die Heilkunst durchlaufen hat. Was ist heute anders als damals?

TH: Also, grob zusammengefasst hat sich die Menschheit durch eine archaische, mythische und rationale Bewusstseinsstufe entwickelt. Auf jeder dieser Entwicklungsstufen wird Heilkunst neu interpretiert, und es entsteht eine neue Perspektive unseres Menschseins, durch die wir schauen. Gleichzeitig beinhaltet jede neue Perspektive alle vorherigen. Unser Body-Mind-System (der Körper, die Emotionen und Gedanken) besteht aus all unseren Entwicklungsstufen. Eine archaische Entwicklungsstufe geht mit einem naturverbundenen Erleben einher. Aus ihr wird eine naturverbundene oder schamanische Medizin entstehen. Auf der nächsten Stufe, der mythologischen, werden auch die psychologischen Phänomene mit einbezogen - der Radius wird größer. Jetzt sitzen wir, vor allem im Westen, in einer rationalen Gesellschaft, die eine wissenschaftliche Medizin hervorgebracht hat. Wenn wir über integrale Heilkunst sprechen, ist es wichtig zu sehen, dass diese westliche Medizin ein großer Gewinn und evolutionärer Fortschritt ist. Aber sie birgt auch die Gefahr in sich, dass die größeren Zusammenhänge unseres Menschseins, in der Gesellschaft, mit der Natur, mit Gott… - also, dass die Beziehungen, die wir im Leben aufbauen, in der Sterilität der westlichen Medizin ein bisschen zu kurz kommen. Die Herausforderung ist jetzt: Wie können wir diesem männlichen, wissenschaftlichen Weg einen, sagen wir mal, feminineren Weg zur Seite stellen, der unserem westlichen Kulturkontext entspricht? Es geht darum zu sehen, dass sich Bewusstsein durch uns entwickelt. Ein tieferes Verstehen dieser inneren Entwicklungsstufen ist für uns fundamental wichtig, wenn wir von Gesundheit oder Krankheit, von Heilung oder Genesung sprechen. Erst wenn wir diesen evolutionären Aspekt unseres Selbst wirklich erkennen und uns auf ihn beziehen, kommen wir von einer symptom-orientierten Sichtweise zu einer wurzel-orientierten Sichtweise und schauen wirklich dorthin, wo die Symptome entstehen.

„Es gibt in uns allen die Sehnsucht, in einem Fluss,
in einer Harmonie mit unserem Leben zu sein.“

MB: Was ist denn aus deiner Sicht “Heilung”, Thomas? Und was ist Gesundheit?

TH: Es gibt in uns allen die Sehnsucht, in einem Fluss, in einer Harmonie mit unserem Leben zu sein. Wenn die Harmonie nicht eine Vermeidung des Lebens ist, dann ist das auch ein gesunder Zustand. In der Medizin sagt man dazu “steady state”. Das heißt, dass der Organismus, durch den wir leben, permanent darauf ausgerichtet ist, sich in den höchstmöglichen Stabilisierungszustand zu begeben. In diesem Zustand kann sich unser Körper mit all seinen physiologischen Prozessen am besten den Anforderungen stellen. Auch unsere Psyche spiegelt das wieder: Wir hätten alle gern, dass es uns gut geht. Das ist eine gesunde Tendenz. Natürlich kann diese Gewohnheit unserer Psyche auch dazu führen, dass wir auftretende Symptome so schnell wie möglich weg haben wollen, weil sie diesen Zustand stören. Wenn ich die Symptome nur lindere, ohne mich verändern zu wollen, dann überhöre ich die Botschaft, die diese Symptome für mich haben – nämlich einen Entwicklungsschritt zu machen. Kollektive Krankheiten oder “Volks”-Erkrankungen sagen uns, dass in dem System, in dem wir leben, irgendetwas nicht mehr am Platz ist. Solange wir nicht erkennen, dass die Symptome dazu da sind, uns dies zu zeigen,  verwechseln wir Heilung mit Symptomlinderung. Heilung heißt, einen Schritt zu machen in eine Veränderung, die oftmals auch eine Lebensveränderung bedeutet. Diese Lebensveränderung würde den Zustand auf einer neuen Bewusstseinsebene stabilisieren.

Menschen, die professionell mit andern Menschen arbeiten, sind ohne diese Tiefendimension des Wahrnehmens und des Selber-authentisch-Lebens, meiner Meinung nach, nicht wirkungsvoll. Sie sind zwar zeitweilig wirkungsvoll, aber nicht “on the long run” für unsere Entwicklung als Menschheit. Eine Langzeitentwicklung wird von diesen Menschen fordern, dass sie einerseits sehr professionell sind und andererseits die kosmische Landkarte eines Menschen oder einer Gesellschaft tiefer erfassen können. Erst dann werden wir eine zufrieden stellende Heilkunst erschaffen: Eine Heilkunst, die Symptome transzendiert, indem sie an der Wurzel der Symptome einen Entwicklungsschritt sieht und diesen verfolgt. Auf diese Weise würden wir auch Gesellschaftsstrukturen und Kulturen bilden, die permanent in diesem Wachstum mitgehen und weniger Druck, weniger “Volkskrankheiten” entstehen lassen.  Funktioniert dieser Prozess auf gesunde Weise, würden wir sagen: Unser Leben ist im Fluss. Wir fließen, wir drücken uns aus und unser Lebenspotential kann wirklich leben. Wenn wir die Ohren haben zu hören, kann ein phantastisches System entstehen, das Menschen und das ganze Kollektiv wirklich in die Gesundheit und damit zu einem authentischen Ausdruck zurückführt. Damit haben wir Krankheit und Gesundheit tiefer verstanden.

„Wenn sich unser Organismus tief genug entspannen kann,
dann entsteht aus diesem Zustand eine Reorganisation unseres Organismus.“

MB: Würdest du dem zustimmen, dass wir Menschen viel mehr heilerisches Potenzial zur Verfügung haben, als wir nutzen? Wenn ja, wo wäre dann der Unterschied zwischen dem eigenen heilerischen Potenzial und Expertentum?

TH: In uns gibt es auf jeden Fall Selbstheilungskräfte. Wenn sich unser Organismus tief genug entspannt, wenn er tief genug absinkt in das, was man in der chinesischen Medizin den “Yin-Zustand” nennt, dann entsteht aus diesem femininen, entspannten Zustand eine Reorganisation unseres Organismus. Wir tauchen ab in die Quelle und tauchen wieder auf mit einer frischen Information. Im Westen würden wir sagen, dass sich unsere Selbstheilungskräfte regenerieren. Diese Kraft wirkt durch uns alle. Wenn wir diese in unseren Mitmenschen fördern können, dann ist das schon mal eine heilerische Tätigkeit auf einem Basisniveau. Es gibt aber auch Menschen, die den seelischen Ruf verspüren, mit anderen Menschen zu arbeiten. Diese Menschen haben gewisse Fähigkeiten in sich, die andere Menschen vielleicht nicht haben – die haben dafür künstlerische Fähigkeiten, technologische Fähigkeiten oder intellektuell-philosophische Fähigkeiten. Diese Kraft, um heilerisch, therapeutisch oder medizinisch tätig zu sein, kann man durch die Ausbildung der inneren Anbindung verstärken. Ich glaube auch, dass es für die meisten dieser Menschen ein Training braucht, um ihre Fähigkeiten so zu verfeinern, dass sie immer effektiver werden. Es gibt also eine Art professionelles Niveau, von dem ich dann sagen kann: Ja, dieser Mensch ist wirklich fähig mit anderen Menschen kompetent zu arbeiten. Er weiß, wo seine Grenzen sind. Er kennt die Werkzeuge, die er braucht. Er ist angebunden und er weiß, dass seine größte Verantwortung die eigene Entwicklung ist, wenn er mit anderen Menschen arbeitet. Nur so kann er ein leeres Gefäß werden für die Kraft, die durch ihn wirkt. Es ist oberste Priorität, dass dieses Gefäß immer klarer und leerer wird, um gefüllt zu werden von dieser Weisheit. In der spirituellen Landschaft versuchen viele Menschen Heiler zu sein. Es gibt dort diese Annahme, dass wir alle gleich sind, dass sich jeder auf seine Weise ausdrückt und alles sowieso gut ist. Das ist meiner Meinung nach sehr gefährlich. Es ist wirklich notwendig auf die Professionalität, Kompetenz und Angebundenheit zu schauen. Sonst finden wir uns in einem riesigen Supermarkt wieder, wo jeder, der irgendein Buch gelesen hat, anfängt mit Menschen zu arbeiten. Das wird dann berechtigterweise von der rationalen, wissenschaftlichen Seite mit Argwohn beschaut und kritisiert. Schade ist nur, dass diese Kritik auch die Menschen, die von einer mystischen Ebene aus professionell mit anderen Menschen arbeiten, gleich mit ausschüttet. Für mich geht es darum zu zeigen, dass Mystik eine innere Wissenschaft ist, aus der Kompetenzen entstehen, die es wert machen, heilerisch tätig zu sein. Auf dieser Ebene sind wir nicht alle gleich. Es gibt Menschen, die sind kompetent. Und es gibt Menschen, die müssen noch viel lernen.  

„Je mehr von mir wach lebt, je mehr von mir in einem hohen Bewusstsein lebt, desto mehr Aspekte des Lebens werde ich auf eine authentische Weise weitergeben können.“

MB: Wie kann ich denn Heilung und Einbildung unterscheiden, wenn ich zu einem Heiler gehe? Woran erkenne ich einen kompetenten, authentischen Heiler?

TH: Im Prinzip enthebt uns nichts der Verantwortung, dass wir eine eigenständige Intuition und ein eigenständiges Gefühl dafür entwickeln, ob Menschen wirklich aus dem sprechen, worüber sie gerade sprechen. Oder, ob sie zwar darüber sprechen, aber nicht wirklich damit verbunden sind. Dieses authentische Zuhören müssen wir irgendwie lernen. Natürlich treffen wir immer die Leute, die irgendwas mit dem zu tun haben, wer wir gerade sind. Doch diese Aussage kann man sehr leicht missbrauchen und sagen: Na ja, alles ist sowieso gleich und so gewollt, deswegen brauchen wir keine Kompetenzen. Zu wem du gelangst, das ist halt dein Schicksal. Doch das ist nicht so. Früher oder später wird sich die Wahrhaftigkeit von einem Heiler oder Therapeuten immer zeigen. Man sieht, ob die Menschen, die in seinem Feld sind, authentischer und gesünder werden, ob Entwicklung stattfindet. Ob das Ganze, sowohl finanziell als auch ausdrucksmäßig, in einem gesunden Maß bleibt und in einer Balance mit allen Aspekten des Lebens steht. Das heißt, ich würde zuerst darauf schauen, wie die Früchte ausschauen, die der Baum hervorbringt. Und wenn das integere, ehrliche, authentische und wahrhaftige Früchte sind, dann würde ich sagen: „Ja, dieser Baum ist ein gesunder Baum“. Wenn ich aber sehe, dass dort rundherum irgendwie Eigenartiges passiert, würde ich mich schon einmal fragen, was mit dem Zentrum los ist.

„Kompetenz zeichnet sich auch dadurch aus, dass die Menschen
wissen, wo sie stehen und nicht gerne woanders wären, als sie gerade sind.“

MB: Ich würde gerne noch einmal auf die Verantwortung des Therapeuten oder des Arztes zu sprechen kommen. Du hast es einmal so formuliert: Das Weitergeben meiner Einsichten ist die Vertiefung der eigenen Praxis. ‚Ich als Therapeut bin der Prozess’. Kannst du das ausführen?
 
TH: Als Therapeut, Arzt oder Heiler bin ich im Prinzip nur ein Gefäß. Ich bin nicht etwas Statisches, sondern ich bin der lebendige, evolutionäre Prozess. Das heißt, dass jede Interaktion ein Lernschritt für mich ist und auch ein Weitergeben von Erkenntnissen oder vertiefter Erfahrung an jemand anderes. Dinge, durch die ich gegangen bin und die ich tiefer verstanden habe (auf intellektueller, emotionaler, körperlicher oder spiritueller Ebene), strahlen von mir aus. Je mehr von mir wach und in einem hohen Bewusstsein lebt, desto mehr Aspekte des Lebens werde ich auf eine authentische Weise weitergeben können. Diese energetische Übertragung ist im Prinzip, was wirklich fundamentale Bewusstseinsentwicklung induziert und damit Heilung möglich macht - jenseits aller Methoden, die wir auch lernen müssen und die wir als Werkzeuge brauchen. Dieses Resonanzphänomen findet zwischen uns den ganzen Tag statt. Und wenn wir das wissen, verstehen wir auch, wie wichtig es ist, dass jeder, der mit Menschen arbeitet, sich permanent weiterentwickelt. Einerseits passiert das sowieso durch die Arbeit mit Menschen. Andererseits geschieht das auch durch die Konfrontation mit Menschen, die weiter entwickelt sind. Das heißt, wir sollten auch immer in Beziehung zu jemandem oder mehreren Menschen stehen, die gewisse Qualitäten ausgebildet haben, die wir gerne in uns weiter vertiefen wollen. Wenn wir mit Menschen arbeiten und Dinge weitergeben, dann braucht es Menschen, an denen wir weiter lernen können. Die uns auch mit den Schattenseiten oder unbewussten Seiten unseres Selbst konfrontieren. Oder, wie man auch sagt: Das Wasser fließt vom Berg ins Tal hinunter. Wir stehen in diesem Fluss und wir sollten uns sehr bewusst darüber sein, wo wir auf diesem Berg stehen. Nicht jeder steht auf der gleichen Stufe. Wir sagen zwar ähnliche Worte, aber die Energie, also der gelebte und wirkende Bewusstseinszustand, ist nicht unbedingt derselbe. Wir können lernen, auf Resonanzen zu hören, das heißt, ob die Worte wirklich in uns schwingen, ob sie Bewegung in uns erzeugen oder ob das nur intellektuell verstandene Worte sind, die nicht mit Bewusstsein gefüllt sind. Der wirkliche Zug aus der Zukunft kommt nur aus dem gelebten Bewusstsein. Das heißt, wenn Du in gewissen Aspekten deines Lebens weiter entwickelt bist als ich, bedeutet das, dass du in diesen Aspekten, vielleicht in anderen Aspekten nicht, aber in diesen Aspekten in meiner Zukunft lebst und ich von dieser Zukunft lernen kann. Ich glaube, es fordert das westliche Ego heraus, diese Demut zu haben. Wir werfen gerne alle Lehrer über Bord. Damit schmeißen wir aber auch eine Zukunft über Bord, die physisch, emotional und intellektuell erfahren werden kann, weil sie von jemandem gelebt wird. Wenn wir das anerkennen, bedeutet das auf der einen Seite die tiefe Demut, sich dem hinzugeben. Auf der anderen Seite bedeutet es den Dienst am Ganzen. Kompetenz zeichnet sich auch dadurch aus, dass die Menschen wissen, wo sie stehen und nicht gerne woanders wären, als sie gerade sind. Es geht nicht um Perfektion, es geht um eine gesunde Wahrhaftigkeit.

MB: Die Arbeit am eigenen Schatten oder an sich selbst ist also für Menschen, die im heilerischen Bereich tätig sind, unerlässlich?

TH: Absolut, ja. Es gibt natürlich auch Menschen, die sich transpersonalen Kräften zur Verfügung stellen. Sie lassen eine Energie, oder sagen wir mal, ein überbewusstes oder göttliches Licht durch sich wirken. Manche dieser Menschen sind energetisch nicht ganz integriert. Das ist möglich. Wir können eine Umleitung schaffen, so dass wir von einer transpersonalen Ebene aus arbeiten, die heilerische Wirkung erzeugt. Ich glaube aber, dass wir auf diesem Weg keine nachhaltige, gesunde Kultur aufbauen können. Dafür müssen sich Menschen, die heilerisch tätig sind, wirklich mit der Integration ihrer eigenen Schattenseiten beschäftigen, so dass sie durch all diese Entwicklungsstufen hindurch wirken können. Damit will ich sagen, die Spiritualität am Marktplatz braucht das. Die Spiritualität in der Höhle braucht das eventuell nicht. Das kann man dort auch umgehen. Doch dann wirken wir nicht mehr an der Matrix der Gesellschaft mit. Sind wir in der Gesellschaft und wollen wir, dass die Menschen, die um uns leben, auch an der Gesellschaft mitwirken, dann ist es sehr sinnvoll und sogar verantwortlich, sich um die eigenen Themen zu kümmern.

„Dieser Raum ist weder an meine noch an deine Individualität gebunden, sondern ist transpersonal. Er übersteigt den individuellen Bewusstseinsrahmen, bezieht aber alle individuellen Bewusstseinsrahmen mit ein“

MB: In dem, was du als Lehrer vermittelst, spielt der transpersonale Raum eine große Rolle. Was unterscheidet den therapeutischen Raum und den transpersonalen Raum?

TH: Ich glaube, der Kontakt zu Menschen ist im Prinzip das, was therapeutisch oder heilerisch wirkt. Der therapeutische Kontakt, wie wir ihn bisher kennen, beruht auf einer wissenschaftlichen Erforschung dessen, was wir menschliche Psyche nennen. Daraus haben sich verschiedene Methoden entwickelt, um mit den psychologischen Entwicklungsstufen so zu arbeiten, dass Integration und immer mehr Wohlbefinden und Ausdruck stattfinden können. Was wir in der Therapieszene sowieso schon sehen, sind die Fähigkeit, sich gesund auf jemanden zu beziehen, das Wissen um die Entwicklungsstufen, durch die wir uns bewegt haben und die Fähigkeit, einen anderen Menschen empathisch tiefer zu erfassen. Was jetzt noch dazu kommt ist die Wissenschaft der Seele. Das Wissen darum, dass tiefere Informationsfelder vorhanden sind, auf denen unsere persönlichen Erfahrungen aufbauen. Dazu gehört die Fähigkeit, nicht mehr nur von meiner Perspektive aus empathisch deine Perspektive zu verstehen, sondern darüber hinaus zu gehen und den Bewusstseinsraum zu erfassen, der meiner und deiner Perspektive überhaupt erst den Raum gibt stattzufinden. Dieser Raum ist weder an meine noch an deine Individualität gebunden, sondern ist transpersonal. Er übersteigt den individuellen Bewusstseinsrahmen, bezieht aber alle individuellen Bewusstseinsrahmen mit ein. Das heißt, dass uns in dem Raum dazwischen eine hohe Intelligenz zur Verfügung steht, die mir als abgetrenntes Individuum, welches dir gegenüber sitzt, in dieser Weise nicht zur Verfügung steht. Öffne ich mich dem, also, kann ich von meiner Perspektiv so weit loslassen, dass ich nicht empathisch mit dir verbunden bin, sondern der Raum bin, der unsere Verbindung beinhaltet, dann entsteht eine Öffnung. Durch diese können neue Informationen in den Kontakt mit einfließen, die nicht aus meiner individuellen Erfahrung kommen und höchstwahrscheinlich auch nicht aus deiner. Das kann die Situation in eine neue Ebene von Bewusstheit heben.

MB: Ich stelle mir gerade einen Arzt vor, der eine Zwölf-Stunden-Schicht hat. Wie ist es für diesen Arzt umsetzbar, zum einen das System ein bisschen zu verändern, zum anderen auf die Leute so einzugehen, wie du es benennst und auch noch an sich selbst zu arbeiten? Das hört sich nach einer Menge an.

TH: Ich glaube, dass es einerseits eine Herausforderung ist und gleichzeitig auch gewisse Dinge leichter macht. Wenn wir eine hohe interpersonelle Kompetenz trainieren, dann wird uns das in vielen Situationen zu Gute kommen. Wenn wir als Arzt das Innenleben unseres Patienten erkennen können und aus einer guten Anbindung heraus wirken, dann werden wir von einer anderen Energie getragen. Wir werden nicht so schnell müde, wir durchblicken Situationen schneller, wir haben eine stärkere Intuition und wir halten uns weniger mit Symptomen auf. Die Auseinandersetzung mit Symptomen raubt oft viel Energie und macht müde. Wenn ich klarer werde und schneller zum Punkt komme, erspare ich mir das. Der Stress des Systems wird davon nicht weggehen, weil wir ja in dem System arbeiten. Doch es wird einen anderen Umgang damit geben. Durch das Angebundensein empfangen wir auch Informationen, die wir normalerweise durch unser rationales Wissen nicht zur Verfügung haben. All das macht meinen Alltag um einiges effizienter und lässt mich weniger aus der Mitte kommen. Auch in der Interaktion mit Kollegen, Vorgesetzten, Krankenschwester oder Krankenpflegern. Denn es ist ja nicht nur die Interaktion mit den Patienten, die schwierig sein kann. Es ist nicht nur die Arbeit, die Energie frisst, sondern auch das Ego. Wenn wir das mehr transzendieren und höhere Perspektiven entwickeln, dann fällt uns das Arbeiten in diesem Umfeld leichter. Natürlich braucht es auch den Mut, dass sich einige dieser Ärzte, Ärztinnen oder Therapeuten zusammentun und neue Projekte in die Welt bringen. Wir können sehen, dass sich unser Gesundheitssystem weiter entwickeln möchte und dass es einen Ruf von vielen Patienten nach Mehr gibt. Dieses Mehr suchen sie bislang in alternativen Heilmethoden, in der Esoterik, Spiritualität und so weiter. Ich glaube, es braucht ein Gesundheitssystem, das auch darauf eine Antwort ist. Und diese Antwort liegt, meiner Meinung nach, in der Verbindung der äußeren mit der inneren Wissenschaft. Sie liegt in dem, was Menschen für ihre Seele suchen.

„Liebe ist die Fähigkeit, Bewusstseinsräume zu umarmen“

MB: Du hast einmal gesagt: ‚Heilung ist praktizierte Liebe’. Das hört sich sehr schön an. Was bedeutet das für dich?

TH: Liebe ist die Fähigkeit, Bewusstseinsräume zu umarmen, Situationen, Kulturen, andere Menschen zu umarmen. Mit umarmen meine ich, sie mit dem Bewusstsein erfassen zu können. Wenn ich das kann, trage ich diese Wirklichkeit in mir. Dann trage ich dich, dein Innenleben, in mir. Das bedeutet eine hohe Intimität, die ich so mit dem Leben aufbaue. Das ist praktizierte Liebe. Es ist auch das Wesen von Liebe in einer Partnerschaft. Es ist diese tiefe Intimität, die ich aufbaue, ohne dass ich andere Menschen abwerten oder weg halten muss. Denn genau das steht ja Intimität im Weg. Wenn ich es schaffe, in dieser Offenheit im Leben zu stehen, dann beinhalte ich die Wirklichkeit in mir. Aus dieser Intimität entsteht eine hohe Weisheit. Es bedeutet, dass ich andere Menschen sehr tief erfassen kann, weil ich sie in mir trage. In diesem tieferen Erfassen wirkt Liebe. Liebe ist der tiefe Kontakt und das tiefe Gesehenwerden. So tief im Austausch zu stehen, das wünscht sich, glaube ich, jeder Mensch sein ganzes Leben lang. Auf einer Ebene sind wir sehr soziale Wesen. Und Liebe ist die Intelligenz, die uns als Menschheit ausmacht. Deswegen ist Liebe auch der beste Katalysator für Intelligenz. Da, wo die Liebe wirklich umarmt, kann sich die Kreativität oder das Potential von zwei oder mehreren Menschen entfalten. Das heißt, dass wir dann wirklich in unserem Licht stehen und unser Licht in die Welt scheinen lassen. Die schmerzhaften Aspekte unserer Entwicklung, kollektiv und individuell, die wir bis jetzt durchgemacht haben, integrieren sich in einer liebevollen Praxis oder in einem liebevollen Feld.

„Wenn wir Systeme schaffen, in denen jeder daran interessiert ist, dass der andere sein Potential lebt, dann entsteht automatisch eine gesunde Gesellschaft.“

MB: Thomas, in deinem Buch betonst du die Möglichkeit, Gruppenintelligenz für das Erwachen des Einzelnen zu nutzen. Was bedeutet das im Hinblick auf die zukünftige Entwicklung von Heilung?

TH: Heilung ist, um das noch mal zu betonen, das Freisetzen von evolutionärer Intelligenz, die als Potential in uns schlummert. Wenn diese Intelligenz nicht in uns wirken kann, verursacht sie Symptome, denn sie sucht die ganze Zeit eine Integration. Integration heißt, dass das Potential erkannt wird und dass es sich weiterentwickeln kann. Auch in unserer Gesellschaft verhält es sich auf diese Weise. Die Kraft, die durch uns alle wirkt, wird ja durch die Gesellschaft aufgebaut. All das, was in uns nicht leben kann, wird auch gesellschaftlich nicht leben können und gesellschaftliche Symptome hervorrufen. Was wir jetzt brauchen, ist eine Heilkunst, mit der wir erkennen können, wo wir stehen, mit der wir also einen Blick für evolutionäre Potentiale in Individuen und in gesellschaftlichen Strukturen ausbilden. Jeder Mensch hat eine Intelligenz, die sich aus sich selbst heraus entwickelt. Ich muss dazu nichts beitragen. Manchmal muss ich einfach nur da sein und diese Energie oder Intelligenz kontaktieren, damit sie ein Feedback bekommt und sich weiterentwickeln kann. Das ist, was unsere heilerische Arbeit ausmacht. Wenn wir Systeme schaffen, in denen jeder daran interessiert ist, dass der andere sein Potential lebt, dann entsteht automatisch eine gesunde Gesellschaft. Eine Gesellschaft, in der Menschen in ihrem Licht stehen und wo wir dafür sorgen, dass die Menschen, die um uns sind, in ihr Potential gelangen, weil es uns am Herzen liegt. Das ist ein Grundprinzip einer wachen Kultur. Wenn wir Systeme aufbauen, die das fördern, gelangen wir in eine Intensitätsstufe, in der eine neue Perspektive des Menschseins aufdämmert. Diese evolutionäre Stufe entsteht nur, wenn wir so intensiv leben. Dann tauchen plötzlich Fähigkeiten auf, die nur auf dieser Ebene existieren. Das bezieht den transpersonalen Raum mit ein. Es ist überindividuell, aber fördert sehr stark den individuellen Ausdruck, also das Potential jedes Individuums. Es ist eine Art Gruppenerwachen. Wir können das nur gemeinsam realisieren. Einer alleine kann zwar einen transpersonalen Raum betreten, aber er kann nicht mit anderen gemeinsam in diesem Raum sein. Das geht erst, wenn wir uns alle dieses Raumes bewusst sind. Dann tauchen wir in eine viel höhere Intelligenzstufe ein. Und ich glaube, die brauchen wir für die Fragen, die sich uns gerade als Menschheit stellen. Diese Fragen fordern von uns schon seit längerer Zeit einen Sprung in unserer  Bewusstseinsentwicklung. Eine integrale Heilkunst kann dazu beitragen, dass wir realisieren, was für ein Potential wir haben, wenn wir in diese neue Perspektive des Menschseins eintauchen. Das gibt uns schlussendlich auch die Kraft, die Erkenntnis, die Einsicht und die Verbundenheit, kollektiv mit den Fragen so kreativ umgehen, dass wir neue Systeme entwickeln und auch ausdrücken können.

 

Ausschnitte aus dem Interview der CD „Integrale Heilkunst“ (60 Min.).
Sie ist über www.media.innerscience.info/shop erhältlich.

 

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