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Wälder - Wisch und Weg

„So sanft das man es blind erkennt“, „flauschig und supersoft“, so lauten die Versprechungen der Klopapier- und Taschentuch-Werbung. Kaum jemandem ist bewusst, dass für die Erzeugung des reinweißen oder gar nach Menthol duftenden Stückchens Zellstoff indigenen Völkern die Lebensgrundlage entzogen wird – und wir ganze Wälder das Klo hinunter spülen.

Franko Petri

Können Sie sich noch erinnern? Sie waren damals so selbstverständlich wie die Recycling-Schulhefte - die grauen oder braunen Taschentücher der 80-er Jahre aus Altpapier mit den blassen Schriften, die sogar den Herbstschnupfen umweltverträglich und politisch korrekt überstehen ließen. Heute aber sind die flauschigen Klopapierrollen, Taschentücher und Haushaltsrollen zum überwiegenden Teil aus Frischholzfasern gemacht. Und dafür müssen immer mehr Wälder sterben. Denn statt aus Recyclingpapier oder aus nachhaltiger Forstwirtschaft produziert, stammen unsere Schnäuz- und Wischtücher heute aus den Wäldern Osteuropas, Asiens, Afrikas und Lateinamerikas.

15.000 Bäume müssten jedes Jahr weniger gefällt werden, wenn jeder Österreicher eine Haushaltsrolle weniger verbraucht.
Illegal geschlägertes Holz und Monokulturen sind die Hauptursachen für die Zerstörung der letzten Regenwälder. Fünf bis zehn Prozent der nach Österreich importierten Holzprodukte kommen aus illegalen oder verdächtigen Quellen, hat der WWF Österreich errechnet. „Der illegale Holzeinschlag ist weltweit das größte Problem bei der Vernichtung der Urwälder“, sagt WWF-Waldexperte Peter Hirschberger. In vielen waldreichen Ländern der Erde kontrollieren Mafia-artige Verbindungen Ernte, Transport, Weiterverkauf und den Export der Hölzer. In Russland gibt es Regionen, wo bis zu 50 Prozent der Bäume illegal geschlagen werden. Auch auf den Philippinen fallen fast 50 Prozent der Bäume illegal, in Indonesien sind es sogar 73 Prozent.
Auch in den letzten Wäldern Afrikas sind die Lebensräume von Waldelefanten und Berggorillas so bedroht, dass ein Überleben der Waldbewohner nicht mehr lange möglich sein wird. Die Verbindungen der illegalen Holzfirmen reichen bis in höchste Regierungskreise und die Korruption vereitelt oft wirksame Kontrolle. Für die einheimische Urbevölkerung wie die Pygmäen, bedeutet dies das Ende ihrer traditionellen Lebensgrundlage - Alkoholismus, Prostitution und die Slums der Großstädte sind ihre Zukunftsperspektiven. Inzwischen drängen Waldarbeiter in die früher entlegenen Gebiete. Mit ihren Gewehren erlegen sie die Waldtiere schneller als die Pygmäen und verdienen sich mit dem gewilderten Fleisch ein Zubrot. Durch den Verzehr dieses Wildfleischs tauchen neue Krankheiten wie Ebola auf. Der Abholzung folgen Bodenerosion und Überschwemmungen, die tausenden Menschen das Leben kosten. Die kaputten Waldflächen enden schließlich als Weideland oder als Monokulturen zur Steigerung der Gewinne ausländischer Konzerne.

Aber auch legal geschlägertes Holz ist nicht astrein und berechtigt uns nicht zu gewissenlosem Schnäuzen ins blütenweiße Taschentuch. Denn Plantagenholz wächst meist auf Flächen, die bis vor kurzem noch Regenwald waren. Jedes Jahr werden Singapur, Malaysia und die Insel Borneo in so dichte Rauchschwaden gehüllt, dass Millionen Menschen in der Region kaum mehr atmen können. 80 Prozent dieser Waldbrände, die große Teile Südostasiens vergasen, wurden künstlich gelegt um Platz für Plantagen und damit für Monokulturen zu gewinnen. „Die letzten Lebensräume für den Sumatra-Tiger und die Orang-Utans auf Borneo werden in wenigen Jahren verschwunden sein“, prophezeien die WWF-Artenschutzexperten.
In Brasilien, Uruguay und Chile stattete die österreichische Firma Andritz AG fünf Zellstofffabriken mit Maschinen im Wert von 1,4 Milliarden Euro aus. Die Umweltschutzorganisation Global 2000 macht die Firma Andritz AG für die Verwüstung großer Teile Südamerikas mitverantwortlich und hat im Mai 2006 anlässlich des Lateinamerikagipfels den ´Fall Andritz´ beim ´Tribunal der Völker Lateinamerikas´ eingereicht“.

Für den Duft von Menthol werden Indianerdörfer zerstört

Im artenreichen atlantischen Küstenregenwald in Brasilien hinterließ der weltweit größte Eukalyptuszellstoff-Hersteller Aracruz eine Spur der ökologischen und sozialen Verwüstung. Aracruz zerstörte die Indianerdörfer und zwang die Kleinbauern zur Abwanderung. Auf über 250.000 Hektar betreibt der Konzern heute mit massivem Chemieeinsatz seine Eukalyptus-Monokulturen, wo noch vor wenigen Jahrzehnten prächtige Tropenwälder standen – und das völlig legal. Die Absenkung des Grundwasserspiegels, versiegende Brunnen und ausgetrocknete Flüsse zwangen indigene Völker wie die Guarani, die Tupinikim und die Nachfahren der afrikanischen Sklaven, die Quilombolas, zur Abwanderung.
Im Oktober 2006 besetzte deshalb die Umweltorganisation Robin Wood zusammen mit brasilianischen Indianern das Tempo-Werk der Firma Procter & Gamble im deutschen Neuss. Der Hintergrund: Laut Angaben der Initiatoren produziert Procter & Gamble seine mehr als sieben Millionen Päckchen Taschentücher täglich mit einem Großteil an Fasern aus den Eukalyptus-Plantagen der Firma Aracruz. „Wir brauchen das Land für uns und die Zukunft unserer Kinder“, kämpft der Tupinikim-Indianer Paulo Vicente de Oliveira gegen die Vertreibung seines Volkes.

Sie müssen langsam wieder in Mode kommen, die braunen Recycling-Taschentücher und das leicht fuzzelnde aber saubere Klopapier der 80-er Jahre. Oder wir müssen auf die letzten Wälder und den Reichtum unserer Erde verzichten.

Tipps für nachhaltiges Wischen:
Papier sparen: Waschbare Tücher statt Küchenrollen und Papiertaschentücher!
Hygiene- und Toilettpapier aus Recycling- („Blauer Engel“) oder FSC-zertifiziertem Zellstoff kaufen (z.B. „Danke“ oder „Zewa“!

Text von Magazin Lebensart, www.lebensart.at , Franko Petri.

 

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