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Zeitenwechsel? Ist jetzt oder nie!

2012 – Kalendergläubigkeit als Massenphänomen

»Der Maya-Kalender Tzolkin und seine übergeordneten Zyklen der neun Unterwelten geben Ihnen das spirituelle Wissen über die Jetzt-Zeit und ihre kosmisch-historischen Zusammenhänge und zeigt effektive Wege, wie Sie diese Zeit des Wandels bewusst für Ihren eigenen Quantensprung nutzen können«, das bekomme ich gerade in meine Mailbox. Wie so vieles dieser Art.

Die Nachrichten unterscheiden sich nur noch wenig, die ich da aus der Szene bekomme. Die meisten haben mit Quanten zu tun und mit 2012, und alle wollen mein Bewusstsein wandeln oder mich dazu aufrufen, diese historisch so bedeutsame Zeit ernst zu nehmen und mitzumachen bei diesem Sprung in eine ganz neue Zeit des Menschseins.

Die Milleniumshysterien
Das erinnert mich an die Milleniumshysterie, als sich die magische Zahl 2000 in unserem Kalender näherte. Auch in meinem Freundeskreis gab es Leute, die sich beim Aldi mit Dosennahrung eindeckten und ihren Keller damit füllten für die kommende kritische Zeit. Eine Zeitenwende stünde bevor, ein großer Bewusstseinswandel, hieß es. Aber es könne auch schiefgehen, wenn die negativen Kräfte zu stark wären und wir nicht »den Weg ins Herz« und zur Liebe fänden. Der Strom könne ausfallen und damit auch unsere Heizungen, weil die Computerprogrammier sich nur auf zweistellige Jahreszahlen eingestellt hätten. Also besorgte man sich Wolldecken und Gasvorräte für den Küchenherd, um es wenigstens in einem Raum warm zu haben.

Das war das Millenium des Gregorianischen Kalenders, der heute weltweit üblich ist und unsere Uhren bestimmt sowie die meisten unserer Kalender. Auch die Chinesen, die nicht zur selben Zeit wie wir Neujahr feiern, richten ihre Uhren und Kalender nach diesem, in der technisierten Welt üblichen Kalender. Das 2012-Fieber hingegen basiert auf einem anderen Kalender, auf dem der Mayas. Es spricht vor allem die Indianer- und viele Ethnofreaks an und das Gros der Eso-Szene, inzwischen aber auch große Teile des Mainstreams. Immerhin hat Emmerich auf der Basis solcher Erwartungen mit seinem Film »2012« vor einem Jahr einen riesigen Kassenerfolg erreichen können, mit 450 Millionen Dollar Einspielergebnis schon zehn Tage nach dem Erscheinen des Films (am 11.11.2009)! Emmerichs Film ist damit einer der erfolgreichsten Filme aller Zeiten.

2012 ist für den Mayakalender sowas Ähnliches wie ein Millenium, nur eine Nummer größer, etwa so, wie wenn wir im Gregorianischen Kalender das Jahr 10.000 hätten. Furchteinflößend? Wenn man so will, ja. Hoffnung weckend? Wenn man so will, ja.

Und was bei der Hysterie 2000 die Computerprogrammierprobleme waren, das sind bei 2012 die Sonneneruptionen oder der Polsprung des Erdmagnetfeldes. Weder die Voraussage von erhöhten Sonneneruptionen zum Ende des Jahres 2012, noch eine Umpolung des Erdmagnetfeldes zu diesem Zeitpunkt lässt sich wissenschaftlich aufrecht erhalten. Jede Hysterie sucht sich zur Bestätigung in der Welt des Faktischen Aufhänger, das gilt auch für diese Hysterie. Im Jahr 2000 waren die Aufhänger allerdings bessere, denn es hätte damals durch das Ausfallen wichtiger Computersysteme tatsächlich einige nicht »selbst gemachte« Probleme geben können, in dem Sinne wie die sich selbsterfüllenden Prophezeiungen es sind.

Was wir erwarten, tritt ein
2012 ist allem Anschein nach eine Massenhysterie, deren prognostizierte Effekte in dem Maße eintreffen werden, wie eine ausreichend große Masse glaubt, dass sie eintreffen werden. Wenn alle denken, dass zu dem Zeitpunkt für die Menschheit ein glückliches Zeitalter beginnen wird, sind die Chancen, dass zu dem Zeitpunkt ein glückliches Zeitalter beginnt, viel größer, als wenn keiner davon Notiz nähme. Denn ob wir Menschen glücklich sind mit unserem Leben und in unserer Welt, das hängt sehr stark davon ab, ob wir glauben, dass das möglich ist. Optimisten sind in der Regel glücklichere Menschen.

Esoteriker glauben ja sowieso gerne, dass sie ihre Welt selbst erschaffen. Das heißt, dass das, was sie für möglich halten – besser noch: was sie erwarten – auch tatsächlich eintreffen wird, in dem Maße, wie sie es erwarten. Glauben sie. Und nennen es »das Gesetz der Resonanz«. Das macht diese Szene noch viel massenhysterieanfälliger als andere Szenen, Kulturen oder Subkulturen.

Wenn dabei die Pessimisten die Optimisten überwiegen, kann allerdings auch das Gegenteil eintreten. Wenn die Mehrheit an eine kommende Katastrophe glaubt, wie der Film von Emmerich mit seinen special effects sie so drastisch zeichnet, dann ist die Wahrscheinlichkeit viel höher, dass diese auch tatsächlich eintrifft, und nicht die ersehnte neue Zeit des Glücks und der Liebe. Mir fällt dabei die Geschichte von dem Mann ein, der sich versehentlich in einem leeren Kühlcontainer eingeschlossen hatte und dort übernacht erfror. Die Lagerarbeiter, die den Container am nächsten Morgen öffneten, fanden nur noch seine Leiche. Die Kühlung aber war gar nicht angestellt, und es war auch genug Sauerstoff in dem Raum vorhanden. Der Mann war nicht erstickt. Er war gestorben, weil er glaubte, dass die Kühlung an wäre und er erfrieren müsse.

Kalendergläubigkeit
Wird es uns 2012 auch so ergehen? Einige Freunde von mir, darunter auch Veranstalter großer 2012-Kongresse – es gibt zur Zeit ja sehr viele davon –, fragen mich immer mal wieder, warum ich so kritisch bin bezüglich der Kalendergläubigkeit. »Siehst du denn nicht die Chancen darin zu einem Bewusstseinsprung?« Die meisten von ihnen geben zu, dass 2012 ein Massenhysteriephänomen ist, aber sie meinen, es sei eine positive Hysterie, die der Welt mehr Bewusstsein bringt. »Siehst du denn nicht, wie nötig die Welt einen solchen Bewusstseinswandel hat?« Doch, das sehe ich. Aber ich meine, dass wir diesen Wandel täglich bewirken müssen mit dem, was wir täglich tun, nicht erst im Hinblick auf dieses Datum des 21. Dezember 2012 (oder wann auch immer, die Experten sind sich da ja gar nicht einig), auf das da gerade so viele hinfiebern.

Machst du mit?
Trotz meiner kritischen Haltung werde ich immer noch als Redner auf 2012-Kongresse eingeladen. Das halte ich für ein gutes Zeichen, nicht nur weil es mir schmeichelt. Sondern auch, weil es anscheinend ein Publikum für ein echtes Erwachen aus den Massenhysterien gibt. »Echtes Erwachen«, das sagt sich so leicht. Wie schwierig das ist, sehen wir aber schon daran, dass wir beim Beginn der Winterzeit unsere Uhren zurückstellen und dann denken, dass es »jetzt früher hell« wird. Ist aber nicht so. Das Verhältnis von Sonne und Erde hat sich durch unsere Uhrumstellung nicht geändert. Es wird noch immer allmählich immer später hell. Nur die Einstellung unserer Koordinaten hat sich geändert, die Art, wie wir die Welt betrachten.

Das Datum des 21.12.2012 als eine große Party zu feiern, so wie eine Love-Parade, im Bewusstsein der Künstlichkeit dieses Datums, das wär’s! Und dabei wissen, dass wir nicht nur dann bewusst und achtsam sein sollten, sondern auch jetzt schon und danach. So wie wir ja auch wissen, dass nicht nur »im Gotteshaus« Gott wohnt und nicht nur die Kaaba ein heiliger Stein ist und Stonehenge ein Kraftplatz. Sondern der Platz, an dem ich jetzt bin, ist ein Kraftplatz genau dann, wenn ich mir meiner Kraft bewusst bin. Die neue Zeit beginnt hier und jetzt! Schon immer war das so. Wenn wir in diesem Bewusstsein das große Event feiern können, dann freue ich mich darauf.


Quelle.


Wolf Schneiders »Tagebuch fürs Wesentliche«
http://www.schreibkunst.com/2010/09/zeitenwechsel-ist-jetzt-oder-nie/

 

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