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Der Zen Buddhismus

Der Zen Buddhismus beschäftigt sich mit den grundlegenden Fragen nach dem Sinn des Lebens, dem Glücklich sein und der Illusion.  

Wir Menschen sind auf der Suche nach Sinn, ohne das werden wir nicht glücklich. Solange wir den Sinn aber von außen erhalten, sind wir Sklaven der Bestimmung, die uns von anderen zugewiesen wird. Erst wenn wir den Sinn unseres eigenen, einzigartigen Lebens in uns selbst finden oder aus uns selbst generieren, sind wir glücklich. Dafür müssen wir durch das Tor der Paradoxie schreiten

  • Weisheit ist das, was passiert, wenn wir uns dem Rätsel des Ich gestellt und das Tor des Paradoxen durchschritten haben

Mit dem Wort »Ich« verbinde ich seit meiner Kindheit ganz besondere Gefühle. Ich weiß zwar, wie ich dieses Wort anwenden kann, ohne damit anzuecken, aber es war und ist mir ein Rätsel, was es wirklich bedeutet. Was meinen die Menschen nur damit? Wenn ich dieses Wort vor mich hersage, allein im Dunkeln…, oh, da wird mir ganz anders. Sehr mysteriös, geradezu ein bisschen gruselig. Als Kind hat mich gewundert, dass meine Schwestern sich so nennen: Sie nannten sich »ich«, und auch die anderen Menschen nannten sich so, wenn sie über sich selbst redeten. Ich selbst ja auch, obwohl wir doch so verschieden sind. Wie können so verschiedene Wesen denselben Namen haben?

Als Erwachsener habe ich dann gelernt, dass das Wort »ich« so etwas ist wie die Worte »jetzt« und »hier«. Die meinen immer etwas anderes, je nachdem, wer sie ausspricht, wo und wann. Es gibt ja keinen Ort der »hier« heißt und keine Zeit, die mit »jetzt« präzise bezeichnet wäre, da müsste man schon Datum und Uhrzeit nennen. Vielleicht wird deshalb in der Spiri-Szene so viel Kult betrieben mit den Worten »hier« und »jetzt« – weil sie ein Passepartout sind, ebenso wie das Wort »ich«. Sie sind Joker, sie passen überall. Linguistisch gesehen aber sind sie so leer wie die Reflexivpronomen: Wenn ich »mich« am Rücken kratze oder du »dich« am Rücken kratzt, sind das nur Hinweispfeile auf zwei verschiedene Rücken. Zeiger, die auf etwas hinweisen, die aber selbst keine Substanz haben.

  • Das Problem ist immer das Ich, das Selbst. Heutzutage nennt man es »das Selbstreferentielle«. Hier entstehen die Schwierigkeiten

Unendlich so weiter

Als 17- oder 18-jähriger Schüler langweilte ich mich im Chemieunterricht. Unsere Lehrerin war doof, fand ich; den Unterrichtsstoff erwarb ich mir, indem ich einfach das entsprechende Kapitel im Schulbuch durchlas. Während der Schulstunden setzte ich mich in die hinterste Reihe und zeichnete ein bisschen: zum Beispiel ein großes T mitten auf ein Blatt Papier. Das Blatt Papier war die Welt, das T die Struktur der Welt. Ha, eine Welt mit T-Struktur! In die Ecke des Blattes zeichnete ich einen kleinen Kreis, das sollte ein Kopf sein (mein Kopf?), in dem sich die Welt abbildete, das Wissen von der Welt. Also musste ich nun auch in diesen Kreis ein T zeichnen, denn der Kopf sollte ja die Struktur der Welt kennen, musste sie also abbilden. Mit dem Kreis und dem T darin aber hatte sich die Welt geändert. Sie enthielt nun nicht mehr nur ein großes T, sondern in einem Eck einen kleinen Kreis mit einem T darin. Wenn ich die Welt in diesem Kopf korrekt und vollständig abbilden wollte, musste ich nun auch in diesem kleinen Kreis den kleinen Kreis mit dem T darin einzeichnen. Und so weiter, ohne Ende. Einen »infiniten Regress« nennen die Philosophen das, aber das lernte ich erst später, während meines Philosophiestudiums.

Außen und innen

 

Wenn ich den kleinen Kreis außerhalb »der Welt« zeichnete, gab es kein Problem, das erkannte ich schon damals. Ebenso, wenn ich nur die Außenwelt in dem Kopf abbilden wollte. Das Problem entstand immer dann, wenn ich etwas auf eine Fläche abbilden wollte, die sich innerhalb der abzubildenden Fläche befand.

Mathematiker drücken dieses Problem mit Mengen und Teilmengen aus: Wenn eine Menge Teilmenge einer größeren Menge ist, kann sie diese größere Menge nicht in sich abbilden. Philosophen würden vielleicht sagen: Wenn der Mensch nicht nur seine Außenwelt »verstehen« will, sondern auch sich selbst, hat er dieses Problem des unendlichen Regresses. »Verstehen« heißt in diesem Kontext: korrekt und vollständig abbilden, wie abstrakt auch immer, es geht ja hier nicht um eine gegenständliche Abbildung.

Ich kann die Welt immer nur unvollständig verstehen. Immer fehlt etwas: ich selbst. Andernfalls gibt es Widersprüche. Solche, wie schon die alten Griechen sie kannten: Wenn ein Kreter (ein Mensch aus Kreta) sagt, dass alle Kreter lügen, dann lügt also auch er. Man kann hier aus der Annahme, der Satz sei wahr, logisch ableiten, dass er falsch ist. Hätte der Kreter gesagt, dass alle Athener lügen, wäre es nicht zu einem solchen Widerspruch gekommen. In solche Schwierigkeiten kommt man genau dann, wenn einer über etwas spricht, das auch ihn selbst meint: ein Kreter über Kreter, ein Athener über Athener, ich über mich selbst. Das Problem ist immer das Ich, das Selbst; das »Selbstreferentielle« (sich auf sich selbst Beziehende), wie man heute sagt. Hier entstehen die Schwierigkeiten.

  • Der Buddha sagte: Das Ich ist die Mutter aller Illusionen, aus ihr gehen alle anderen hervor, und wer diese Illusion durchschaut hat, ist befreit

Das gilt übrigens auch in der Akustik: Wenn man Mikrofon und Lautsprecher zu nah zusammenbringt und dazwischen eine Tonquelle setzt, die sich durch Rückkopplung verstärkt, wird das System dabei überlastet und kann kaputt gehen. So kaputt fühlte ich mich oft, wenn ich über dieses Ich nachdachte und versuchte, »mich« zu verstehen.

Die Mutter aller Illusionen

Die Auseinandersetzung mit diesem Problem zieht sich durch mein ganzes Leben. Als buddhistischer Mönch 1976 in Thailand studierte ich die Grundlagen des Buddhismus. »Anatta« (Sanskrit: Anatman, deutsch: Nichtselbst) ist – so sagte der Buddha – eine der wesentlichen Eigenschaften der Existenz. Es gibt kein Selbst. Das Ich ist eine Illusion, und nicht nur das: Es ist die Mutter aller Illusionen, aus ihr gehen alle anderen hervor, und wer diese Illusion durchschaut hat, ist befreit. Befreit! Nicht schlecht, dachte ich, das ist es doch, was ich immer wollte: Befreiung. Und dazu brauchte ich nur das Ich zu erkennen als das, was es ist, eine Illusion?

  • Die Beschäftigung mit der Absurdität des Lebens, das Ewigkeit sucht und doch mit dem Tod endet – auch das ist ein Koan

Dass das Ich »prinzipiell« eine Illusion ist, das ahnte ich schon, und auch, dass diese Tatsache irgendwie mit dem infiniten Regress zusammenhing, der mich als Schüler in der Chemiestunde und später als Student der Wissenschaftstheorie und Logik beschäftigt hatte. Das kann man einsehen, so weit, so gut. Aber das reichte noch nicht, fand ich bald heraus, denn im Alltag vergessen wir – auch den buddhistischen Mönchen geht es so – allzu leicht, dass das Ich nur eine Hilfskonstruktion ist, die auf »einen selbst« verweist, aber ansonsten leer ist, ohne Substanz, ohne substanzielle Bedeutung.

Die Koans des Zen

Dort, in der Kloster-Bibliothek, las ich auch über den Zen-Buddhismus und erfuhr, dass es Zen-Schulen gibt – vor allem der Rinzai-Zen gehört dazu – die mit dem Paradoxen arbeiten. Dabei bekommt der Schüler ein logisch unlösbares Problem – etwa, den Ton der einen, klatschenden Hand zu finden. Der Meister nimmt ihm die Antwort erst dann ab, wenn er merkt, dass der Schüler auf eine neue Ebene »gesprungen« ist, in eine Dimension, in der dieses Problem keins mehr ist. Wenn etwa der Meditierende sich »in sich selbst versenkt« hat, also in ein Niemandsland (er findet dort ja niemanden). Wenn er sich also mit nichts (oder auch: mit allem – das ist in der Logik dasselbe) identifiziert hat, dann ist er auf dieser Ebene. Dann hört er das Klatschen der einen Hand, oder was auch immer sein Koan gerade ist.

Soweit die Zen-Klassik. Wir brauchen aber nun nicht alle nach Japan zu pilgern, in die Klöster der Rinzai-Schule, um die Rätsel der Existenz und von uns selbst zu lösen. Unlösbare Widersprüche, Paradoxien, haben wir hier ja selbst genug. Es reicht völlig, die Widersprüche, die im eigenen Leben auftreten, als Sprungbrett zu benutzen in eine neue Dimension, auch ohne dass ein Zenmeister uns diese Aufgabe stellt. Schon wieder was gespart: die Reise nach Japan, mit all dem Drum und Dran, vom Visum über den Jetlag bis zum Kulturschock (siehe hierzu auch Doris Dörries so erfrischend witzigen Film »Erleuchtung garantiert«).

 

Die Beschäftigung mit der Absurdität des Lebens, das Ewigkeit sucht und doch mit dem Tod endet – auch das ist ein Koan – zieht sich durch mein ganzes weiteres Dasein. Auch Koans wie die Frage »Wer bist du?« begleiten mich dabei; eine Frage, die nicht nur viele Sufi-Linien stellen, vermutlich seit Jahrtausenden, sondern in vorbildlicher Weise auch Ramana Maharshi in seiner so grandios monomanen, unerbittlichen Verbohrtheit. So dass heute auf meiner Webseite – auf der ich mich doch, wie absurd, wie paradox für einen Mystiker, zu »identifizieren« habe – steht: Mein Motto ist die tägliche Frage nach mir selbst: Wer bin ich? Verstanden als Reality Check: Für wen halte ich mich denn heute wieder?

Paradoxien als Ausrede

Kann das auch zu viel werden? Nachdem ich mich nun gut dreißig Jahre in dieser Szene bewege, die sich »spirituell« nennt, meine ich: Ja, es kann zu viel werden. Die Beschäftigung mit dem Jenseits, mit der Transzendenz kann zu viel sein. Das Problem vieler spirituellen Sucher ist nicht, dass sie sich zu wenig mit dem Jenseits beschäftigen, dem gelobten Land – ganz nach dem Motto von Jesus: Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, dann wird euch alles andere zufallen – sondern sie beschäftigen sich nicht gründlich genug mit dem Diesseits. Dass alles irgendwie paradox ist, das sagt sich ja so leicht, und es passt auf alles. Es passt so gut, dass es sich perfekt eignet als Ausrede, sich mit einem Widerspruch nicht beschäftigen zu müssen. Ein Konflikt in der Partnerschaft, ein Mangel an Geld oder Freiheit, ein Defizit an Wissen oder in irgendeiner weltlichen Kompetenz, das sind alles diesseitige Probleme, die auch diesseitige Lösungen verlangen. Sprüche wie »Es ist doch alles paradox« oder »Das lässt sich mit dem Verstand nicht lösen« vermeiden eine Lösung. Es sind Halbweisheiten, auf denen man ausrutscht, bevor man zu der heiligen Schwelle kommt, die ins gelobte Land führt, zu den Paradoxien oder Koans.

Raus aus dem Kinderzimmer

Ja, Paradoxien können Schwellen sein in neue Räume, aber sie sind das nur, wenn man sie nicht als Ausrede benutzt, um einen weltlich lösbaren Konflikt zu vermeiden. Erst muss man sich, dem Problem stellen. Nur wenn man das getan hat und dabei wirklich alles versucht hat, es zu lösen, kommt von irgendwoher die Gnade der Erlösung. Dann wird man über die Schwelle gehoben in eine neue Dimension, in der das Alte nur noch lächerlich wirkt. Wie konnte mich das quälen, ja überhaupt beschäftigen? Von der neuen Ebene aus betrachtet, sieht alles so leicht aus. Aber auch diese Ebene enthält Widersprüche, denen ich mich zu stellen habe, und auch die können als Koans fungieren, als Schwellen zu weiteren Räumen, von denen aus die alten wirken wie Kinderzimmer – Räume, in denen ich spielte, als ich noch nicht viel wusste von der Welt.

Du musst ein anderer werden!

Diese Themen begegnen uns übrigens nicht nur auf der spirituellen Suche. Auch Menschen, die »religiös unmusikalisch« sind, begegnen diesen Themen. »Religiös unmusikalisch« nannte sich zum Beispiel mein Namensvetter Wolf Schneider, der auch als »deutscher Sprachpapst« bezeichnet wird, nachdem ich ihm mein Buch »Auf der Suche nach dem Wesentlichen« zugeschickt hatte. Jeder Autor, jeder Drehbuchschreiber begegnet diesen Paradoxien, ja, jeder Mensch auf seiner Lebensreise, seiner je eigenen, einzigartigen »Heldenreise«. Denn wir wachsen ja, wir entwickeln uns. Nicht nur die Helden der Entwicklungsromane sind am Ende dieser Romane andere als am Anfang. Wie der berühmte Mythenforscher Joseph Campbell herausfand, erleben die Helden aller Mythen, Erzählungen, Geschichten, Dramen aller Zeiten und Kulturen der Welt eine solche Entwicklung: Am Ende der Erzählung sind sie andere als am Anfang. Nicht nur die Ereignisse sind in Bewegung, auch das Ich des Helden wandelt sich im Lauf der Geschichte.

Die Drehbuchschreiber haben sogar einen genauen Begriff für die Stelle, wo der Held als der Alte nicht mehr weiter weiß, wo er ein anderer werden muss, um die Herausforderungen, die ihm das Leben stellt, bewältigen zu können. Sie nennen diese Stelle »the call to action«, den Ruf zur Tat. Im typischen Drehbuch eines Spielfilms wird die Heldin zunächst in ihrer normalen Umgebung gezeigt: wie sie frühstückt, den Hund füttert, sich von ihrem Gefährten verabschiedet, zur Arbeit fährt, und so weiter. Dann kommt das Ereignis: die nicht zu bewältigende Herausforderung. Oft ist es eine Katastrophe, prinzipiell kann es aber auch ein Lottogewinn sein. Jedenfalls kann sie als diejenige, die sie ist, nicht damit umgehen. Sie muss eine Andere werden, um diesem Ereignis gerecht zu werden. Hier beginnt der Handlungsstrang der Ereignisse, die dann zum Höhepunkt führen, an dem die Heldin stirbt oder siegt. Auch wenn sie sich als Verliererin erweist, die aber überlebt, wie in den Komödien, kann sie insofern als eine andere gelten als sie dabei vielleicht ihre eigene Lächerlichkeit als solche erkannt hat, also Humor hat (in der platten Komödie allerdings ist das nicht der Fall, da lacht nur der Zuschauer; die Entwicklung passiert dann, falls überhaupt, nur dort).

Die Koans im Alltag

Was Rinzai-Schüler sich von ihrem Zenmeister holen, das individuelle Koan, das können wir uns, ohne nach Japan reisen zu müssen, im Alltag holen: Die Widersprüche in unserem Berufs- und Beziehungsleben sind Koans, an denen wir wachsen können. Sie sind calls to action auf unserer persönlichen Heldenreise. Pilgerfahrten nach Japan, Indien oder auf den Jakobsweg können schon was bringen, aber die eigentliche Bewährungsprobe für die Heldinnen und Helden auf ihrer Lebensreise ist der Beziehungs- und Berufsalltag. Die eigenen Kinder stellen einem Koans, schon als kleine und erst recht, wenn sie in die Pubertät kommen. Für einen Angestellten kann eine unerwartete Kündigung ein Koan sein. Für einen Selbständigen der Ausfall eines Hauptkunden, der Zusammenbruch eines für ihn wichtigen Marktes oder eine für ihn nicht mehr finanzierbare technische Revolution. Sehr häufig ist auch eine Gesundheitskrise ein call to action: die Diagnose einer unheilbaren (oder kaum heilbaren) Krankheit. Das Ende einer Liebesbeziehung oder der Tod eines nahen Verwandten. Immer dann, wenn der Schock ein identitätsrelevanter ist, das heißt, wenn ich »ohne dich ein anderer« wäre, taugt der Schock als Koan.

Die Weltkultur im Schockzustand

Auch Institutionen, Staaten und ganze Kulturen können solche Schocks erleiden, an denen sie entweder wachsen und sich erneuern oder zugrunde gehen. Unsere heutige Zivilisation erlebt gerade eine ganze Reihe solcher Schocks, die von einigen Menschen – leider noch nicht ausreichend vielen – als call to action empfunden werden. Sloterdijks neues Buch »Du musst dein Leben ändern« beschäftigt sich damit, auch Barack Obama (so scheint mir), aber die träge Masse des Mainstreams hört den Ruf offenbar noch nicht. Die Wirtschaftskrise der vergangenen zwölf Monate hat jedenfalls als Schock nicht ausgereicht, um unser Wirtschaftssystem zu ändern, sie hat ja nicht einmal die Arbeitsbedingungen der Banker geändert. Auch die Tatsache (um nur mal eine herauszugreifen), dass 98 % aller Geldbewegungen spekulative sind, das heißt, es entsprechen ihnen keine realen Umsätze von Waren oder Dienstleistungen, hat sich in dieser Zeit nicht geändert. So werden wir unvermeidlich in weitere Spekulations-Blasen reinschlittern, denen unausweichlich weitere Crashs folgen werden. Hier ist der Held der Geschichte nicht eine Person, sondern unser Wirtschaftssystem. Es hört die Trompeten nicht, der call führt zu keiner action, der Held stellt sich der Herausforderung nicht und wird deshalb untergehen. Die Frage ist nur noch, wie groß der Krach bei diesem Untergang sein wird, und wie die Erde und ihre Bevölkerung die einstürzenden Neubauten verkraften werden.

Verleugnung

Viele Menschen haben in den vergangen Jahren gesagt, dass wir zur Zeit eine spirituelle Revolution erleben, eine Wiederkehr des Religiösen. Andere sagten, dass das 21. Jahrhundert ein Jahrhundert der Mystik sein wird und die Religionen nur überleben werden, wenn sie sich auf ihren Kern, die Mystik besinnen. Wie schon immer sind wir Menschen und die von uns erschaffenen Kulturen in einem Stirb-und-Werde Prozess. Der Tod, das Hinscheiden von Altem, Vertrauten, begleitet uns ständig. Sterbebegleiter kennen den Prozess unseres emotionalen Umgangs mit dem herannahenden Tod, diesem »großen Koan«: 1. Verleugnen, ignorieren, »Es ist ja gar nicht so«. 2. Abwehr, Wut, Schuldzuweisung: »Wer hat mir das angetan?« 3. Akzeptanz, Hinnahme, Realismus. 4. Frieden. Unsere Weltkultur ist zur Zeit noch in der ersten Phase, mit gewissen Andeutungen der zweiten (Schuldzuweisungen). Von einer Akzeptanz und einem call to action sind wir noch weit entfernt.

  • Koans? Wir brauchen nicht nach Japan zu reisen, es reicht völlig, die Widersprüche im eigenen Leben als Sprungbrett zu benutzen

Wissen und Weisheit

Um von der Verleugnung und Schuldzuweisung zu einer Annahme der Herausforderung zu kommen, müssten wir vom Wissen zur Weisheit gelangen. Der Unterschied ist der, dass Weisheit auch ein Wissen über sich selbst enthält, also genau das, was ich anfangs als die Wurzel aller Widersprüche bezeichnet habe. Weisheit ist das, was passiert, wenn wir uns dem Rätsel des Ich gestellt haben, wenn wir über unseren eigenen Schatten gesprungen sind (auch das ist ein Koan) oder das Tor des Paradoxen durchschritten haben. Dann »weiß ich, dass ich nichts weiß« (wie Sokrates es nannte), weil ich mich im Raum des Absurden, Paradoxen, Widersprüchlichen aufhalte – oder jedenfalls dort aufhalten kann. Denn mit einem Bein bleibt ja auch der Weise immer noch diesseits, in dem Bereich, in dem man durchaus noch etwas wissen kann und die Schäden von Ignoranz und fehlendem Wissen immens sein können.

»SPIEGEL WISSEN«

Neulich kaufte ich mir am Bahnhof das erste Heft aus der neuen Reihe »Spiegel Wissen« mit dem Thema »Mein Ich – Das Geheimnis einer besonderen Beziehung«. Wow, was für ein Thema! Und das erste, die Nr. 1 in dieser neuen Sonderheftreihe »Wissen«, aus diesem so sehr die deutsche Kultur prägenden Verlag! Es ist journalistisch sehr gut gemacht und enthält Themen, die ich auch in connection reinnehmen würde – ui, der Spiegel bringt ein connection-Heft heraus, war das erste, was ich, grinsend, dabei dachte. Der Mainstream ist endlich so weit!

Ein genauerer Blick aber zeigte mir, dass dort Wissen vermittelt wird. Weisheit kaum. Richard David Precht, der mit »Wer bin ich – und wenn ja wie viele?« eine sehr gutes und enorm erfolgreiches Buch über die ganz normale Spaltung unserer Persönlichkeit in viele, schillernde Teile geschrieben hat, wird dort vom Interviewer gefragt, was ihm spontan einfällt, wenn er das Wort »ich« hört. »Ich denke an mich«, ist seine Antwort. Zweite Frage: »Ist das Ich der Dreh- und Angelpunkt der geistigen Welt?« Precht: »Zweifellos. Mein gefühltes Ich ist das Zentrum meiner Welt.« Darauf, dass da ein Ich über ein anderes Ich spricht und »das Ich« insofern nie fassbar ist, weil es sich immer entzieht – es ist ja der/das Fragende selbst! – geht Precht nicht ein. Auch der Rest des Interviews geht darauf nicht ein und das ganze Spiegel-Heft nicht, was auch immer es sonst an Wissenswertem über die Vielfalt und Entstehung der Persönlichkeit (subjektiv: des Ich) sagt. Es ist voller Wissen, aber es fehlt darin die Weisheit. Der Mainstream ist nahe dran, sich diesem Thema zu stellen, immerhin nahe dran, aber dort angekommen ist er noch nicht.

Only the Mind?

Viele »spirituelle Menschen« (ich nenne sie hier manchmal, entsprechend den Ökos und Müslis, liebevoll ironisch »Spiris«) verachten den Spiegel, Psychologie Heute und andere, ähnlich geartete Hefte und Bücher als unspirituell. Das mit dieser Literatur vermittelte Wissen wird als »only the mind« – als »nur verstandesgemäß« bezeichnet. Wahre Spiritualität gibt es nur jenseits davon, »beyond the mind«, sagen sie. Das ist ja nicht ganz falsch. Aber auch das ist Wissen – in diesem Falle Halbwissen. Denn wenn diese Spiris dann die Gefühle und Intuitionen ihres »Herzen« oder Bauchs als das Gute, zu Erstrebende gegen den vermeintlich so primitiven »Verstand« setzen, wirken sie damit meist ziemlich kindisch, gefühlsselig oder durchgedreht. Jedenfalls nicht weise.

Das Jenseits, zu dem uns die Paradoxien führen können, ist nicht das Herz, das mit seinen Gefühlen dem Kopfmenschen gegenüber steht, und auch die Bauchentscheidung ist es nicht, das Handeln »aus einem spontanen Gefühl heraus«. Gefühl ist noch nicht Weisheit. Es ist viel leichter über »the mind« zu lästern, als diese Ebene tatsächlich zu überwinden.

Allerdings ist das Land der Weisheit und des Mystischen auch wieder nicht so weit weg, dass wir es nur bei den Heiligen vermuten dürfen, bei Ramana Maharshi, Buddha und Jesus. Jedes tiefe Aha-Erlebnis ist eine Berührung mit dem Raum des Jenseits und der Weisheit. Jedes Aha und Verstehen, jede tiefe »Einsicht« ist ein Funke von dort, aus diesem Raum, der zum Funkenregen werden kann, wenn man das wirklich will, wirklich sucht, sich dem wirklich hingibt. Das Mystische ist überall, man braucht nur die eigenen Filter der Wahrnehmung wegzulassen, um es zu finden.

Koans, die uns dort hinführen können, haben wir jedenfalls genug.

Ein Artikel von nicht bekannt


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