Der Weg des Erwachens

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Selbsterforschung

Es war bei einer Busfahrt. Ich blickte aus dem Fenster, Straßenzüge der Großstadt glitten vorbei, keine besondere Situation – und plötzlich wurde es still in mir. Keine Gedanken mehr. Die Zeit blieb stehen. Der Raum dehnte sich ins Unendliche, ohne dass sich etwas bewegte. Grenzenlose Verbundenheit mit allem. Ein klares Sehen, dass alles, was existiert, grundgut ist. – War das Erwachen? Ja. Bin ich erwacht? Nein. Schon wenig später begann der alte Lärm im Kopf wieder. Gedanken, Urteile, Wünsche, Selbstanklagen, Schuldgefühle. Das ganze Theater des Ich-Geistes.

Solche Stille-Momente haben in mir eine brennende Sehnsucht geweckt. Ich hatte den Geschmack von Freiheit gekostet. Gleichzeitig gab es das Eingeständnis: Mit meinen bisherigen Versuchen, Lebensglück zu finden, war ich komplett gescheitert. Ich hatte auf Liebesbeziehungen gesetzt, materielle Sicherheit, Erfolge im Beruf, und mir davon Erfüllung und inneren Frieden erhofft. Stattdessen fühlte ich mich leer, erfüllt nur von Sinnlosigkeit.


Seitdem will ich wissen, was jenseits leidvoller Gedanken-Mühle ist, die sich immer wieder um dasselbe drehen. Mich treibt die Frage um: Wer bin ich wirklich – ohne dieses Leiden?


„Menschen, die sich auf den Inneren Weg machen, haben zunächst eine sehr oberflächliche Vorstellung von Leiden “, sagt der spirituelle Meister OM C. Parkin, der seit 30 Jahren spirituell Suchende begleitet. „Sie setzen Leiden gleich mit als negativ empfundenen Zuständen wie Angst, Schmerz, zwanghaften Gedanken und Handlungen.“ Erst später, mit zunehmender Reifung, erschließe sich ihnen, was Leiden in der Tiefe bedeutet: die Identifikation mit einem Ich-Geist, der das Bewusstsein verengt und verdunkelt. Beruhend auf der Vorstellung „ich bin dieser Körper“, trennt er von der Realität, vom Sein.


Weisheitslehrer wie OM weisen den Weg zurück. Nach Hause. In die Realität der Einheit. Dazu reicht es jedoch nicht, Schülern zu predigen, „ihr seid schon DAS“. Es ist notwendig, die Illusionen eines Geistes zu entlarven, der von sich behauptet, ein eigenständiges Wesen zu sein und sich selbst an die oberste Stelle stellt. Er beansprucht für sich, die Wahrheit zu kennen und prüfen zu können. Als Über-Ich, eine Art innerer Richter, glaubt er, Urteile darüber fällen zu können, was wertvoll und was wertlos sei, falsch und richtig, gut und böse.


Geister haben die Eigenschaft, dass man sie nicht einfach sehen, anfassen, dingfest machen kann. Sie sind unsichtbar, flüchtig, unfassbar. Und dennoch ist der Ego-Geist kein unüberwindlicher Gegner. Zunächst gilt es, seine Spuren zu lesen. Das geschieht in der Selbsterforschung. In der inneren Arbeit können wir untersuchen: Welche alten Glaubenssätze wirken in mir („ich bin ja so einer, der immer...“)? Welche Lehren habe ich als Kind von meinen Eltern, welche aus dem Kollektiv, übernommen? Verurteile ich gerne mich und andere? Was blockiert den Fluss meiner Lebenskraft? Der innere Forscher begibt sich, ähnlich wie ein Naturwissenschaftler, auf Spurensuche.


Das ist kein rein intellektuelles Unterfangen. Selbsterforschung, wie sie in der von OM C. Parkin gegründeten Enneallionce – School for Inner Work praktiziert wird, nutzt das ganze menschliche Potenzial. Instinkt und Intuition werden genauso aktiviert wie die mentale Intelligenz. Es braucht die Integration, bewusst zu handeln, bewusst zu fühlen, bewusst zu denken, um die Mechanismen des Ich-Geistes zu durchdringen. Man darf ihn auch nicht unterschätzen: Er ist ein großer Illusionskünstler.


Ein Beispiel ist Angst. Die Verheißung des Ich-Geistes lautet: Du bist zwar getrennt vom Sein und das macht dir Angst, aber ich schütze dich davor. Die Empfehlung lautet: Nimm die Beine in die Hand und fliehe! In der inneren Arbeit kann man erforschen, was Angst wirklich ist. Dazu werden Schüler*innen angeleitet, entgegen alten Gewohnheiten, vor diesem zittrigen Gefühl auszuweichen oder es zu verdrängen, die bewusste Begegnung zu suchen. Auge in Auge mit der Angst. Das kann etwa in konkreten Übungen geschehen. Dabei liegt die Aufmerksamkeit darauf, entspannt und wach zu bleiben und nichts anderes zu tun, als die Angst zu fühlen. Weder sich darin zu suhlen noch dagegen zu halten noch davor zurück zu weichen. Wenn sie so vorgehen, erleben innere Forscher stille Momente, in denen sie eine Verwandlung bezeugen: Angst zeigt sich jenseits aller Vorstellung als eine feine, hochfrequent schwingende Energie, als reine Lebenskraft. Wenn sie aufsteigen darf, dient sie der Bewusstheit, man kann sagen: dem Erwachen.


Für OM C. Parkin ist das ein gutes Beispiel dafür, wie der Geist, der zunächst als Gegner auftritt, auf dem inneren Weg zu einem Freund gemacht werden kann. „Die Prinzipien gleichen denen der Homöopathie. Dabei wird eine Krankheit mit einer ähnlichen Substanz in potenzierter Form geheilt wie die, die sie verursacht. Das entspricht einer Praxis der inneren Arbeit, bei der das geistige Gift noch einmal genommen wird – diesmal jedoch in Bewusstheit.“ Angst, Zorn, Eitelkeit, Gewalt oder Stolz bewusst zu erleben, erscheint mir zunächst als äußerst unbequem. Aber es fühlt sich an, als ob ich in diesem Prozess ganz werde, vollständig, heil. Es zeigt sich die tiefere Bedeutung von Heilung.

„Der denkende Geist will sich der Grundkräfte des Seins bemächtigen. Alles meins!“ So beschreibt die Diplom-Psychologin Ulrike Porep, Lehrerin an der Enneallionce, die Anmaßung des Egos. „Das Zorn-Ich sagt dann: Ich will nicht. Das Angst-Ich sagt: Ich will weg. Das Wunsch-Ich sagt: Ich will es anders! Aber wer ist eigentlich ‚ich’? Letztlich zeigt sich ein System, dass aus Geschichten besteht, die wir uns immer wieder neu erzählen.“ Leidensgeschichten. Es geht darum, sie immer feiner zu durchdringen, zu entlarven und dadurch für den Kontakt zur Realität durchlässiger zu werden.


Es ist angemessen, diese Form von Selbsterforschung als innere Wissenschaft zu bezeichnen. Denn dabei handelt es sich um empirisches Vorgehen: erfahren, erforschen, prüfen, experimentieren, die Erfahrungen auswerten. Motiviert von dem Herzenswunsch, unsere Wahrheit zu erkennen. Dabei wird auch deutlich, was spirituelle Meister seit Menschengedenken als „weglosen Weg“ bezeichnen. Ja, wir tragen den göttlichen Funken in uns. Und nein, wir wissen es nicht, solange wir uns als vom Sein getrennt wähnen, der Wahn des Geistes. Deshalb gibt es Erwachen nicht gratis. Wir haben einen Weg zu gehen, der unbequem und herausfordernd ist. Und womöglich – für das Ego – zum Tod führt. Auf dem Weg arbeiten wir mit dem Körper, mit Ritualen, Traumforschung, philosophischen Studien,  dem kosmologischen Modell des Enneagramms, Psycho-Drama, Mantras und natürlich mit Meditation. Und erfahren im Laufe der Zeit, wie aus dem Tun immer mehr ein Geschehenlassen wird. ES geschieht, wenn der Ich-Geist still wird. Wie ein Weisheitslehrer formulierte: „Meditation führt nicht zur Erleuchtung – aber macht sie wahrscheinlicher.“

OM C. Parkin ist ein erwachter Weisheitslehrer, spiritueller Meister und Autor.

In OMs Lehrweise verschmelzen östliche und abendländische Weisheitslehren. Er lehrt die Menschen die Erforschung der illusionären Welt des Ich und begleitet sie auf dem Weg der Erkenntnis der Realität des Absoluten, des SELBST.

Ein Artikel von Michael Gleich

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